LUDWIG JOSEF JOHANN WITTGENSTEIN

(26. April 1889 in Wien – 29. April 1951 in Cambridge)

Biografie

Ludwig Wittgenstein ist der Sohn eines reichen Industriellen jüdischer Herkunft. Er wird katholisch erzogen und bis zum 14. Lebensjahr genießt er Privatunterricht zu Hause. Er ist das jüngste von neun Geschwistern, wobei sich zwei Brüder das Leben nehmen. Die Mutter ist eine bekannte Pianistin, ebenso einer seiner Brüder, und die meisten Familienmitglieder sind sehr sensible, musikalische Menschen. Ludwig selbst spielt Klarinette.

Vor Wittgensteins Augen stehen sein ganzes Leben lang nur zwei Alternativen zur Verfügung: Genie oder Versagen, Erlösung oder Verdammung. 1906 beginnt Wittgenstein nach dem Schulabschluss in Linz ein Maschinenbaustudium in Berlin, wechselt jedoch bald darauf nach Manchester, wo er Aeronautik studiert. Er erwirbt ein Patent für einen verbesserten Flugzeugpropeller. 1908 wechselt er nach Cambridge und lernt dort nach der Lektüre von Arthur Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ seinen zukünftigen Lehrer und Freund Bertrand Russell kennen. Er wird Schüler und Freund Russells und studiert bei ihm Logik und Mathematik.

Russell schreibt über das Kennenlernen Wittgensteins folgende Anekdote:

„Am Ende seines ersten Trimesters in Cambridge kam er zu mir und sagte: ‚Würden Sie mir bitte sagen, ob ich ein kompletter Idiot bin oder nicht?‘ Ich antwortete: ‚Mein Lieber, das weiß ich nicht. Warum fragen Sie mich?‘ Er antwortete: ‚Wenn ich ein kompletter Idiot bin, werde ich Flieger; wenn aber nicht, werde ich Philosoph.‘ Ich sagte ihm, er möge in den Ferien irgendetwas Philosophisches für mich schreiben, dann würde ich ihm sagen, ob er ein kompletter Idiot sei oder nicht. Am Anfang des nächsten Trimesters brachte er mir etwas. Als ich den ersten Satz gelesen hatte, sagte ich ihm: ‚Nein, Sie dürfen nicht Flieger werden.‘“

(aus: B. Russell: Portraits from Memory and Other Essays, London 1956, 2. Aufl. 1957, S. 26 f.; in: Gloy, Karen: Grundlagen der Gegenwartsphilosophie, S. 129)

Durch die Schriften des Jenaer Mathematikprofessors Gottlob Frege und Bertrand Russells wird Wittgenstein mit den Bemühungen vertraut, die Mathematik auf eine rein logische Grundlage zu stellen und Mittel zur logischen Analyse der Sprache zu entwickeln. Frege entwickelt eine neue logische Formelsprache, eine Kunstsprache, die es erlaubt, komplexe Aussagen auf einfache, logisch eindeutige Aussagen zurückzuführen. Zu seinen Freunden zählt auch der Nationalökonom und spätere Regierungsberater John Maynard Keynes.

Nach fünf Trimestern in Cambridge zieht sich Wittgenstein für neun Monate in eine einsame Hütte in Norwegen zurück und setzt sich dort intensiv mit logischen Problemen auseinander. Ein Drittel seines Millionenerbes spendet er an unbemittelte österreichische Künstler. Im Ersten Weltkrieg meldet er sich freiwillig zum Kriegsdienst und schöpft unter anderem während seiner Kriegsgefangenschaft in Italien bei Monte Cassino Mut aus Tolstois „Kurze Erläuterung des Evangeliums“. Weitere wichtige Lektüren sind die Romane Dostojewskis und die Essays des amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson.

Während des Krieges entsteht sein Hauptwerk „Tractatus logico-philosophicus“, das 1921 erscheint. 1919 trifft er sich mit Russell in Den Haag, wo sie den Tractatus besprechen, den Wittgenstein 1929 als Dissertation vorlegt. Wittgenstein hat stets Angst, vor der Vollendung seines Werkes zu sterben. Er ist ein Eigenbrötler, der nicht gerne in Gesellschaft ist und seine Aussagen mit einem starken Absolutheitsanspruch versieht. Ihm geht es stets um die Sache und deren Lösung, und er reagiert mitunter aggressiv auf widersprüchliche Aussagen.

Nach dem Krieg verschenkt er sein restliches Vermögen an seine Geschwister. Von 1920 bis 1926 arbeitet er als Volksschullehrer in einem kleinen Dorf in Niederösterreich und begründet das Aufgeben der Philosophie mit den Worten:
„Ich will bei kärglichem Lohne anständige Arbeit verrichten und einmal als anständiger Mensch krepieren.“
In dieser Zeit verfasst er ein „Wörterbuch für Volksschulen“. Bald darauf gibt er auch die Arbeit an der Schule auf und wird für kurze Zeit Hilfsgärtner in einem Kloster. Danach entwirft er für seine Schwester ein Haus im damals modernen Stil.

Ab 1927 beschäftigt er sich wieder vermehrt mit philosophischen Fragen, pflegt Kontakte zu Mitgliedern des Wiener Kreises (Moritz Schlick, Friedrich Waismann, Rudolf Carnap) und promoviert 1929 bei Russell und Moore in Cambridge. Durch Moore wird er in die Denkmodelle der analytischen Philosophie eingeführt. Bis 1936 hat er im Auftrag Russells einen Forschungs- und Lehrauftrag inne. 1936 geht er erneut nach Norwegen, 1939 wird er Philosophieprofessor in Cambridge.

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitet er als Arzthelfer in einem Londoner Spital. 1947 legt er alle Ämter nieder und lebt an verschiedenen Orten in Irland bis zu seinem Tod, der durch Prostatakrebs verursacht wird. Wittgenstein gründet keine eigene Familie, da er homosexuell ist. Seine spätere Philosophie erscheint postum 1953 unter dem Titel „Philosophische Untersuchungen“. Sein Leben ist durchdrungen von einem leidenschaftlichen Ringen um Erkenntnis und Identität.

Zum Schluss seiner Biografie sei noch eine kleine Episode erwähnt: 1946 hält Karl Raimund Popper in Cambridge einen Vortrag über „philosophische Puzzles“, an dem auch Wittgenstein teilnimmt. Popper vertritt eine andere Ansicht als Wittgenstein, der meint, alles auf Sprachprobleme reduzieren zu müssen. Wittgenstein springt daraufhin auf und hält einen langen Monolog über Puzzles und darüber, wie der Verstand durch Sprache verhext wird. Popper unterbricht ihn und liest ihm eine Liste „echter“ philosophischer Probleme vor, wie etwa die Gültigkeit moralischer Regeln. Wittgenstein, der am Kamin sitzt und nervös mit dem Schürhaken spielt, sagt daraufhin aufgebracht: „Geben Sie ein Beispiel für eine moralische Regel!“ Popper erwidert schlagfertig: „Man soll einen Gastredner nicht mit dem Schürhaken bedrohen!“ Daraufhin stürmt Wittgenstein hinaus und schlägt die Tür hinter sich zu.
(Etwas verändert übernommen nach Poller, S. 389)

Philosophie

Die Fragen, die Wittgenstein sich stellt, sind folgende: Welche Bedeutung hat die Sprache für die Philosophie? Gibt es einen Missbrauch der Sprache? Für Wittgenstein ist das meiste, was Philosophen je geschrieben haben, nicht falsch, sondern unsinnig. Ihre tiefsten Probleme sind keine wirklichen Probleme. Die herkömmliche Philosophie beruht auf einem logischen Missbrauch der Sprache. Deshalb beruhen viele Probleme in der Philosophie auf sprachlichen Missverständnissen. Gedanken, die normalerweise eher verschwommen und trüb sind, sollen durch die Philosophie geklärt und scharf abgegrenzt werden.

Nur Sätze der Naturwissenschaft sind sagbar und sinnvoll. Wittgenstein geht sogar so weit, zu behaupten, dass allein die Tatsache, dass die Welt ist, etwas Mystisches darstellt. Was sich sagen lässt, so Wittgenstein, lässt sich klar sagen, und über das „Nicht-Sagbare“ muss in der Wissenschaft geschwiegen werden.

Wittgensteins Philosophie durchläuft zwei Stadien. Die erste Phase seines Philosophierens besteht in der genauen Analyse des Sagbaren und schlägt sich in seinem Hauptwerk „Tractatus logico-philosophicus“ nieder. Die zweite Phase ist durch die Infragestellung seiner bisherigen Ergebnisse bedingt und gekennzeichnet durch die Annahme einer doch metaphysischen Dimension der Welt. Die Philosophie dieser zweiten Phase ist in seinem Werk „Philosophische Untersuchungen“ enthalten.


Wittgenstein I: Der „Tractatus logico-philosophicus“

Der Tractatus logico-philosophicus (1918 abgeschlossen, 1921 mit Hilfe von Bertrand Russell zunächst als Zeitschriftenbeitrag unter dem Titel „Logisch-philosophische Abhandlung“ publiziert und später auf Vorschlag George Edward Moores – in Anlehnung an Spinozas Tractatus Theologico-Politicus – mit seinem heutigen Titel versehen) besteht aus einer Reihe von tagebuchartigen Eintragungen. Deshalb ist das Werk nicht in Kapitel gegliedert, sondern besteht aus einer Folge nummerierter Abschnitte, die oft nur aus einem einzigen Satz bestehen. Der Tractatus umfasst etwa 80 Seiten und beginnt mit dem ersten Satz: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“

Im Vorwort schreibt Wittgenstein:
„Das Buch behandelt die philosophischen Probleme und zeigt, … dass die Fragestellung dieser Probleme auf dem Missverständnis der Logik unserer Sprache beruht. Man könnte den ganzen Sinn des Buches etwa in die Worte fassen: Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. … Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben.“
(Poller, S. 387)

Wittgenstein beschäftigt sich im Tractatus mit den Beziehungen zwischen Sprache und Wirklichkeit. Ein Hauptmerkmal seiner Philosophie ist, dass die Welt uns nur durch den Filter der Sprache zugänglich ist. Die Logik dient Wittgenstein dazu, die Grenzen und Möglichkeiten der Sprache aufzuzeigen. Ursprünglich hatte er seinem Werk den Titel „Der Satz“ zugedacht.

Es geht einerseits um logisch-grammatikalische Strukturen, also um die Zuordnung von Satzelementen zueinander, andererseits um die „abbildliche Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit“. Für Wittgenstein ist der Elementarsatz die kleinste Erkenntniseinheit. Auf ihn lassen sich alle komplexen Strukturen zurückführen. Durch die Analyse von Sätzen ist es möglich, zur Erfassung der Wirklichkeit und somit zur Erfassung der Welt der Sachverhalte zu gelangen.

Sachverhalte sind Tatsachen. Eine Tatsache ist das, was in einem wahren Satz behauptet wird. Behauptet man hingegen etwas, das noch nicht als Wahrheit erwiesen ist, spricht Wittgenstein von einem Sachverhalt. Die Aussage „Der Baum vor meinem Fenster ist kahl“ beschreibt einen Sachverhalt, nämlich das „Kahlsein des Baumes vor meinem Fenster“. Erweist sich dieser Sachverhalt als wahr, ist der Baum also tatsächlich kahl, so ist der Sachverhalt zu einer Tatsache geworden. Eine Tatsache ist beispielsweise, dass ein Tisch braun ist. Nicht der Tisch selbst ist eine Tatsache, sondern dass er bestimmte Eigenschaften besitzt.

Deshalb wehrt sich Wittgenstein auch gegen Platons Modell, wonach jeder Tisch an einem idealen Tisch teilhat. Für Wittgenstein ist die Existenz des Tisches etwas Metaphysisches. Der Satz besteht somit aus nicht weiter analysierbaren Namen. Zeichen bzw. Namen sollen als Symbole der Wirklichkeit fungieren. Bei einem Satz wie „Der Tisch ist sauber“ sind die einzelnen Zeichen und ihre Verbindung wirklichkeitsnah, da man sich den sauberen Tisch vorstellen kann. Bei einem Satz wie etwa „Sokrates ist identisch“ ergibt die Verbindung der Symbole hingegen keinen Sinn; der Satz ist unsinnig.

Ein Satz muss laut Wittgenstein durch den Vergleich mit der Wirklichkeit auf „Ja“ oder „Nein“ überprüft werden, was er als Verifikation eines Satzes bezeichnet. Der Satz muss die Möglichkeit seiner Wahrheit enthalten, aber nicht mehr als diese Möglichkeit. Kein Satz ist a priori, also von vornherein, wahr. Wittgenstein unterscheidet zwischen Sätzen und Namen insofern, als Sätze bipolar sind – sie können wahr oder falsch sein –, während Namen einpolig sind und entweder Sinn haben oder nicht.

Der Unterschied zwischen einem Namen und einem Satz besteht darin, dass der Name in seiner Bedeutung verstanden werden muss, während der Satz in seinem Sinn verstanden werden soll. Die Beziehung zwischen Sprache und Welt bezeichnet Wittgenstein als „Abbild-Bild“. Mit „Bild“ meint er dabei kein Gemälde, sondern eher Modelle, wie sie etwa bei Gerichtsverhandlungen verwendet werden, um Tathergänge nachzustellen: Steine oder Kegel stehen für Menschen oder Dinge und dienen dazu, den Ablauf sichtbar zu machen.

Bei der sogenannten Abbildtheorie Wittgensteins geht es erstens um die interne logische Struktur des Satzes, zweitens um die Beziehung dieser Struktur zum möglichen Sinn des Satzes, der wahr oder falsch sein kann, und drittens um die Beziehung dieses Sinnes zum wirklichen Sachverhalt, also um die Frage nach Wahrheit oder Falschheit des Satzes als Bild der Wirklichkeit.

Wittgenstein entwickelt eine Logik, die sich mit der Wahrheit und Falschheit von Sätzen beschäftigt. Philosophie wird bei ihm zur reinen Sprachanalyse. In Anlehnung an Bertrand Russell geht Wittgenstein davon aus, dass sich sowohl die Welt als auch die Sprache in kleinste Bestandteile zerlegen lassen. Im Tractatus unterscheidet er wiederholt zwischen dem „Sagen“ und dem „Zeigen“. Im Zeigen – nicht im Sagen – liegt für ihn der Zugang zu ethischen und religiösen Problemen. In Kunst und Religion werden Dinge erfahrbar, die sich nicht sagen, sondern nur zeigen lassen. Über diese Erfahrungen soll geschwiegen werden.

Wittgenstein vergleicht den Tractatus mit einer Leiter, die man besteigt und anschließend wegwirft. Er versteht seine Philosophie als Sprungbrett zur unsagbaren Welt. Mit dem Tractatus ist zwar alles Sagbare gesagt, doch die eigentlichen Lebensprobleme – Tod, Glaube, Gott, Hoffnung – bleiben unberührt. Diese liegen jenseits von Wissenschaft und Philosophie.


Wittgenstein II: Die „Philosophischen Untersuchungen“

Die Annahme, dass nur naturwissenschaftliche Sätze sinnvoll sagbar seien, widerlegt Wittgenstein in der zweiten Phase seines Schaffens selbst. Er erkennt nun, dass die Schwierigkeiten und Verwirrungen des Denkens aus der Vieldeutigkeit der Sprache resultieren. Ihm geht es nicht mehr um die logische Begründung eines Satzes, sondern um die Alltagssprache. Wörter sind nicht eindeutig, da sie – je nachdem, in welchem Kontext sie gebraucht werden – ihren Sinn verändern. In diesem Zusammenhang sagt er:

„Wie ein Wort funktioniert, kann man nicht erraten. Man muss seine Anwendung ansehen und daraus lernen.“

Aufgabe der Philosophie ist es nun, als deskriptives Organ zur Erklärung der Wörter zu fungieren. Die verschiedenen Bedeutungen, die Wörter annehmen können, fasst Wittgenstein unter dem Begriff „Sprachspiele“ zusammen. Ein Sprachspiel ist etwa der Ausdruck „Du“, der einmal liebevoll und ein anderes Mal als Drohung ausgesprochen wird. Wörter und Sprachspiele sollen vom Philosophen beschrieben und offengelegt werden.

Der Sinn eines Begriffes ergibt sich erst aus seinem Gebrauch in der Sprache, und Sprache ist immer ein regelgeleitetes Spiel. Da wir mehrere Sprachspiele spielen, wird der Sinn der Begriffe in jedem dieser Spiele unterschiedlich gedeutet. „Die Bedeutung unserer Begriffe ergibt sich aus ihrem Gebrauch in der Sprache.“ Was ein Wort bedeutet, hängt sowohl von seinem Zweck als auch vom Kontext ab, in dem es verwendet wird. Dies steht im direkten Gegensatz zu Wittgensteins frühem Werk, in dem er die Bedeutung eines Wortes durch ein Zeichen festlegte.

Zusammen mit Bertrand Russell und Gottlob Frege gilt Wittgenstein als Begründer der sprachanalytischen Philosophie, die sich das Erklären der Wörter zur Aufgabe gemacht hat und sich ausschließlich mit sprachlichen Problemen befasst. Mit seiner These, dass die Welt nur durch den Filter der Sprache erfahrbar ist, beeinflusst Wittgenstein maßgeblich zwei große philosophische Strömungen: den „linguistic turn“ in England und die „sprachphilosophische Wende“ in Deutschland. Sein Spätwerk hatte außerdem großen Einfluss auf J. L. Austin sowie auf die modernen Sprechakttheoretiker.

Zitate und Textauszüge

12.9.1914 Tagebucheintragung: Die Nachrichten werden immer schlechter. Heute Nacht wird strenge Bereitschaft sein. Ich arbeite täglich mehr oder weniger und recht zuversichtlich. Immer wieder sage ich mir im Geiste die Worte Tolstoj vor: „Der Mensch ist ohnmächtig im Fleische aber frei durch den Geist“. Möge der Geist in mir sein! Nachmittags hörte der Leutnant Schüsse in der Nähe. Ich wurde sehr aufgeregt. Wahrscheinliche werden wir alarmiert werden. Wie werde ich mich benehmen, wenn es zum Schiessen kommt? Ich fürchte mich nicht davor, erschossen zu werden, aber davor, meine Pflicht nicht ordentlich zu erfüllen. Gott gebe mir die Kraft! Amen.Amen.Amen.

23.4.1916 Tagebucheintragung: Seit ein paar Tagen in neuer Stellung. Den ganzen Tag über schwere körperliche Arbeit; außer Stande zu denken. Gott helfe mir. Ich habe ungeheuer viel zu leiden. Habe heute angesucht, auf den Beobachtungsstand zu kommen. Beim Halbzug hasst mich alles, weil mich keiner versteht. Und weil ich kein Heiliger bin! Gott helfe mir!

4.5.1916 Tagebucheintragung: Komme morgen vielleicht auf mein Ansuchen zu den Aufklärern hinaus. Dann wird für mich erst der Krieg anfangen. Und kann sein – auch das Leben! Vielleicht bringt mir die Nähe des Todes das Licht des Lebens. Möchte Gott mich erleuchten! Ich bin ein Wurm, aber durch Gott werde ich zum Menschen. Gott stehe mir bei. Amen.

Aus dem Tractatus logico-philosophicus:

Alle Philosophie ist Sprachkritik

Der Zweck der Philosophie ist die logische Klärung der Gedanken.

Die Philosophie begrenzt das bestreitbare Gebiet der Naturwissenschaft.

Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.

Die Welt ist alles was der Fall ist.

Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen.

Wir machen uns Bilder der Tatsachen.

Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit.

Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen.

Die Gesamtheit der wahren Sätze ist die gesamte Naturwissenschaft.

Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig.

Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.

Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.

Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist.

Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit.

…nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist.

An einen Gott glauben heißt, die Frage nach dem Sinn des Lebens verstehen. An einen Gott glauben heißt sehen, dass es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist. An Gott glauben heißt sehen, dass das Leben einen Sinn hat.

Gott offenbart sich nicht in der Welt.

Gott ist wie sich alles verhält.

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Aus den Philosophischen Untersuchungen:

Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.

Alle Erklärung muss fort, und nur Beschreibung an ihre Stelle treten.

In einem Brief an Ludwig von Ficker schreibt er Ende 1919 über sein Tractatus: „…mein Werk besteht aus zwei Teilen: aus dem, der hier vorliegt, und aus alledem, was ich nicht geschrieben habe. Und gerade dieser zweite Teil ist der Wichtigste.

Dauernd stolpert und fällt man, stolpert und fällt, und man kann sich nur selbst aufheben und versuchen, wieder weiterzugehen. Jedenfalls habe ich das mein ganzes Leben tun müssen.

Der Tod ist kein Ereignis des Lebens, den Tod erlebt man nicht… Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt…Die zeitliche Unsterblichkeit der Seele des Menschen, das heißt also ihr ewiges Fortleben nach dem Tode, ist nicht nur auf keine Weise verbürgt, sondern vor allem leistet diese Annahme gar nicht das, was man immer mit ihr erreichen wollte. Wird dann dadurch ein Rätsel gelöst, dass ich ewig fortlebe? Ist denn dieses ewige Leben dann nicht ebenso rätselhaft wie das gegenwärtige?

(Zitatenschatz aus Weischedel, 291-299; Volker Spierling, S. 292-293, Poller, Horst S.388)

Hauptwerke

1921: Tractatus logico philosophicus. (u.a. gebundene Ausgabe Suhrkamp 2003)

1953: Philosophische Untersuchungen (Suhrkamp, 2003)

Internetrecherchen

de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Wittgenstein

www.ilwg.eu

Quellennachweis

Weischedel, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe. 34 große Philosophen in Alltag und Denken. Ungekürzte Ausgabe. München, DTV, 17. Auflage, 1988. (Seiten: 291-299)

Poller, Horst: Die Philosophen und ihre Kerngedanken. Ein geschichtlicher Überblick. Olzog Verlag München, 2005. (Seiten: 386-389)

Grabner-Haider, Anton: Die wichtigsten Philosophen. Marix Verlag, Wiesbaden, 2006. (Seiten: 177-180).

Zimmer, Robert: Das Philosophenportal. Ein Schlüssel zu klassischen Werken. DTV, München, 2005. (Seiten: 179-193)

Spierling, Volker: Kleine Geschichte der Philosophie. Große Denker von der Antike bis zur Gegenwart. Erweiterte Neuausgabe. Piper, München, 2006. (Seiten: 292-293).

Stokes, Philip: Philosophen. 100 große Denker und ihre Ideen von der Antike bis heute. Gondrom, Bindlach, 2004. (Seiten 162-163).

Gloy, Karen: Grundlagen der Gegenwartsphilosophie. UTB, Wilhelm Fink Verlag, Paderborn, 2006.


Gedanken zur Philosophie Wittgensteins

Wittgensteins Beschäftigung mit der Sprache bedeutet für die damalige Zeit tatsächlich eine Revolution in der Philosophie. Dadurch, dass er weit über Russell, Frege oder Moore hinausgeht und sich nicht nur mit logischen Problemen auseinandersetzt, begründet er eine neue Richtung innerhalb der Philosophie. Aus heutiger Sicht jedoch – in einer Zeit, in der zahlreiche Sprachphilosophen und Denkschulen in diesem Bereich tätig sind (wie etwa Richard Bandler, John Grinder, John Searle, Noam Chomsky oder auch die NLP-Methode) – muss man zugeben, dass Wittgensteins Gedankenmodell mittlerweile weit überschritten worden ist.

Man denke nur an die unterschiedlichen Richtungen, die sich im Laufe der Zeit in der Sprachwissenschaft herausgebildet haben: Pragmatik, Semantik, Sprechakttheorie, Transformationsgrammatik oder Strukturalismus, um nur einige zu nennen. All diese Richtungen beschäftigen sich mit den ursprünglichen Gedanken Wittgensteins, nämlich mit der Frage nach der sinnvollen und korrekten Verwendung von Sprache.

Ich selbst bin beispielsweise zweisprachig aufgewachsen und behaupte aus eigener Erfahrung, dass sich – je nachdem, welche Sprache ich spreche – ein gänzlich anderes Weltbild und eine andere Weltempfindung eröffnen. Dies hat Wittgenstein entweder nicht berücksichtigt oder höchstens ansatzweise, wenn er davon ausgeht, dass der Sinn eines Begriffes im Kontext und im Gebrauch zu suchen ist.

Mit dem Tractatus kann ich persönlich wenig anfangen, denn auch ich glaubte zunächst, man müsse die Sprache eingrenzen, die Bedeutung der Wörter genau festlegen und erklären, damit jeder weiß, wovon gesprochen wird. Seitdem ich jedoch begonnen habe, die Bibel zu lesen, und dabei mit der wortwörtlichen Übertragung des Sinnes Probleme bekam, wurde mir klar, dass es mehr als nur eine Erklärung für die Verwendung von Sprache geben muss. Es kommt zwar darauf an, auf Details zu achten, doch darf man dabei den Überblick, das Gesamtwerk und die Gesamtaussage nicht aus den Augen verlieren.

Wenn man alles auf eine einzige Bedeutung reduzieren will, kann man dies entweder vom Allgemeinen her versuchen oder vom Detail ausgehen – also mittels deduktiver oder induktiver Methode. Konkret bedeutet das, dass man die Bibel wortwörtlich nehmen und versuchen kann, die Wörter auf ihre ursprüngliche Bedeutung hin zu untersuchen, oder dass man sie in einem größeren Zusammenhang liest, davon ausgehend, dass die Hauptbotschaft erhalten bleibt, unabhängig davon, welche Wörter oder Satzkonstruktionen verwendet werden.

Sprache lässt sich nicht so leicht erklären oder einteilen. Sie kann aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden und dabei unterschiedliche Gewichtungen erhalten. Wittgenstein geht von der Logik aus und versucht, Sprache aus logischer Perspektive zu erklären, fast so, als hätte Sprache etwas mit Physik zu tun. Bandler und Satir hingegen betrachten Sprache aus psychologischer Sicht, während Chomsky sie aus rein linguistischen Motiven untersucht. Zudem ist Sprache ein lebendiges System und daher ständigem Wandel unterworfen.

Einen Begriff wie „Liebe“ kann man beispielsweise nicht ein für alle Mal erklären – außer man wäre Gott. Hinter solchen Begriffen steht eine Entwicklung; häufig müssen Bedeutungen verworfen oder korrigiert werden. Bei sprachanalytischen Überlegungen bleibt zudem oft das Medium der Sprache unberücksichtigt, also ob etwas mündlich oder schriftlich vermittelt wird. Beim Sprechen kann man sich leichter korrigieren, außerdem kommen zusätzliche Bedeutungsmerkmale wie Gestik, Mimik oder Umgebungsgeräusche hinzu. Beim Schreiben hingegen kann man Wörter überdenken, umstellen, streichen oder verbessern – Möglichkeiten, die beim Sprechen nicht bestehen.

Wenn man in diesem Zusammenhang bedenkt, dass es sich bei der Bibel ursprünglich um gesprochene Sprache handelte, die erst später niedergeschrieben und schließlich übersetzt wurde – wobei durch jede Übersetzung ein neues Werk entsteht –, ist bei der Interpretation besondere Vorsicht geboten. Das bedeutet jedoch nicht, dass man nicht vernünftig über Themen wie Liebe, Tod oder Sprache sprechen und schreiben kann.

Wie Wittgenstein selbst schreibt, sehe ich sein Werk ebenfalls als eine Leiter, die man schließlich wegwerfen muss. Für mich wäre es unvorstellbar, ausschließlich Sätze der Naturwissenschaft zu verwenden. Wittgenstein würde mir damit meine Existenz streitig machen, denn ich bin wahrlich kein Naturwissenschaftler; mir fehlen dafür gänzlich die synaptischen Voraussetzungen. Meiner Ansicht nach bezieht sich Wittgenstein weniger auf Sprache an sich als vielmehr auf naturwissenschaftliche Ereignisse, die er anschließend auf das Medium Sprache projiziert. Darin sehe ich das Hauptproblem: Sprache ist wesentlich komplexer, als Wittgenstein je angenommen hat.

Seinen oft zitierten Ausspruch „Alle Philosophie ist Sprachkritik“ kann ich daher nicht gelten lassen. Zwar ist Sprache das Medium, mit dem Philosophie betrieben wird, doch sie ist nicht das eigentliche Thema der Philosophie – und wenn doch, dann nur ein Teil davon. Ich halte es für sinnvoll, dass es eine sprachphilosophische Richtung gibt, die sich mit der Bedeutung von Wörtern und Sätzen beschäftigt. Ebenso wertvoll finde ich es jedoch, wenn Philosophen Sprache nutzen, um auf andere Themenbereiche wie Religion oder das Leben aufmerksam zu machen. Von der Lösung des Sprachproblems direkt zur Lösung fundamentaler Fragen wie dem Sinn des Lebens zu gelangen, erscheint mir zu utopisch.

Sprache ist nur ein Teil der Welt; es existieren zahlreiche andere Ausdrucksmittel, um etwas zu schaffen oder zu erklären. Zwei Menschen, die nicht dieselbe Sprache sprechen, können sich mit Händen und Füßen verständigen, zeichnen oder durch Handlungen verständlich machen, was sie meinen. Deshalb bin ich mit Wittgensteins weitreichender Verallgemeinerung nicht einverstanden, wonach entweder etwas gesagt oder das Unsagbare lediglich gezeigt werden könne.

Seine Gedanken regen zwar zum Weiterdenken an, sprechen aber möglicherweise eher Naturwissenschaftler als Geisteswissenschaftler an. Ich bin der Meinung, dass Wittgenstein zu wenig Kenntnisse der Linguistik hatte, um umfassend über Sprache und über das Sag- und Unsagbare zu philosophieren. Dies ist eine Gefahr, der wir alle früher oder später erliegen können, wenn wir glauben, Lösungen zu haben, ohne uns zuvor einen ausreichenden Überblick über das jeweilige Thema verschafft zu haben.

Da ich Sprachwissenschaft im Rahmen meines Romanistikstudiums studiert habe, kenne ich die Gefahr der Ungenauigkeit und vorschnellen Generalisierung in Bezug auf Sprache. Deshalb begegne ich auch anderen sprachphilosophischen und sprachpsychologischen Richtungen mit Vorsicht. Je mehr Wissen jemand in einem Bereich besitzt, desto präzisere Informationen benötigt er, um weiterzukommen. Häufig sprechen und schreiben wir Selbstverständlichkeiten, die dennoch ausgesprochen werden müssen – insbesondere für jene, denen diese Evidenzen noch nicht bewusst sind.

Gerade in der Sprache geschieht es oft, dass man glaubt, genau zu verstehen, was der andere meint, weil man dessen Aussagen so interpretiert, wie es zur momentanen Situation passt. Sprache ist für mich eng mit dem ganzen Menschen verbunden: mit seinen Gefühlen, seinem Umfeld, seiner Vergangenheit, seiner Zukunft und vor allem seinen Erfahrungen. In der Sprache eines Menschen kann man sein gesamtes Wesen erkennen; ist man sensibel genug, lassen sich sogar Gefühlsregungen an der Stimmlage beobachten.

Damit wären wir wieder beim Ausgangspunkt meiner Überlegungen: Sprache ist weit mehr als eine logische Verbindung von Wörtern zu Sätzen. Wittgenstein verwendet Begriffe wie „Name“ und „Satz“ und baut darauf seine philosophischen Gedanken auf, ohne konkrete Beispiele zu liefern oder genau zu definieren, was ein Satz eigentlich ist. Sprachwissenschaftler hingegen beschäftigen sich jahrelang mit syntaktischen Problemen und entwickeln unzählige Erklärungsansätze. Es erscheint mir daher zu ungenau, zu behaupten, es gebe nur eine Art von Satz, den einfachen, auf den alle komplexen Sätze zurückgeführt werden könnten.

Ein zentrales Problem bei Wittgenstein ist, dass er den Begriff des Satzes nicht klar definiert. In diesem Punkt erscheint mir die Definition Saussures überzeugender, der die Morpheme als kleinste bedeutungstragende Einheiten der Sprache bezeichnet. Wie man sieht, geht es stets darum, zu immer feineren Unterteilungen zu gelangen – nicht nur in der Sprache, sondern auch in den Natur- und technischen Wissenschaften. Man denke etwa an die Entwicklung von Handys, Computern oder Digitalkameras: Alles wird stetig verkleinert und verfeinert.

Eine ähnliche Entwicklung lässt sich auch in der Sprachanalyse beobachten. Während Wittgenstein von Elementarsätzen als kleinsten Bedeutungseinheiten ausgeht, rückt Saussure bereits Phoneme und Morpheme in den Fokus, und die Pragmatik geht noch weiter, indem sie Sprache als zweckgerichtetes Handeln interpretiert. Die Pragmatik untersucht das Verhältnis zwischen Zeichen und Zeichenbenutzer und geht damit wesentlich detaillierter vor als Wittgenstein, der das Verhältnis von Sprache und Welt allgemein festlegen wollte.

Die Sprache hat sich in den letzten hundert Jahren linguistischer Forschung in unzählige Facetten aufgegliedert, die alle ihre Berechtigung haben. Ich glaube daher, dass Wittgensteins große Leistung darin besteht, Sprache überhaupt zum philosophischen Thema gemacht zu haben – ein entscheidender Schritt für die Weiterentwicklung der Philosophie. Interessant ist auch sein Versuch, Natur- und Geisteswissenschaften miteinander in Einklang zu bringen, getragen von der Vehemenz seiner Aussagen.

Die Naturwissenschaften und Naturgesetze waren Wittgenstein sicherlich näher als das Mystische, das er als etwas bezeichnet, über das man nur spekulieren könne. Bei mir ist es hingegen umgekehrt: Ich schätze das Spekulieren, ohne mich festlegen zu müssen, und dafür ist Sprache ein besonders geeignetes Medium. Meiner Meinung nach ist Wittgenstein im Tractatus bis an seine eigenen geistigen Grenzen gelangt. Als jemand, der vor allem Mathematik und Logik studierte, musste er erkennen, dass die Erklärung des Sagbaren die eigentlichen Lebensprobleme noch nicht berührt. In seiner zweiten Phase überschreitet er diese Grenze bewusst und geht mit der Theorie der Sprachspiele darüber hinaus, indem er Züge eines Linguisten annimmt.

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