(21.11.1694 Paris – 30.5.1778 Paris)
Biographie
François-Marie Arouet ist der dritte Sohn eines Pariser Notars und der gebildeten Marie Marguerite Arouet, geborene Daumart, die ebenfalls aus einer Juristenfamilie stammt und stirbt, als Voltaire sechs Jahre alt ist. Nach dem Jesuitenkolleg beginnt er mit 17 Jahren ein Rechtsstudium, das ohne Abschluss bleibt. 1713 schickt ihn der Vater nach Den Haag als Privatsekretär des Marquis de Châteauneuf, des königlichen Botschafters in Holland. Er beginnt früh, Spottschriften zu schreiben, und 1717 wird er wegen der Verfassung einer Satire gegen Philipp II. von Orléans für 11 Monate in der Bastille, dem Staatsgefängnis, inhaftiert. Während seines Gefängnisaufenthaltes legt er sich den Namen „Voltaire“ selbst zu. Philipp II. ist Atheist und hält an religiösen Festtagen gern Orgien. Unter seiner Regentschaft werden die Jesuiten zunehmend entmachtet. Voltaire wirft ihm vor, ein inzestuöses Verhältnis mit seiner eigenen Tochter zu haben.
Sein erstes Theaterstück „Ödipus“ wird bald ein voller Erfolg. Nachdem er acht Jahre lang in den Pariser Salons als Literat wirkt, wird er erneut inhaftiert und unter der Bedingung freigelassen, Frankreich zu verlassen. So begibt er sich nach England. 1722 stirbt sein Vater, und er erbt ein großes Vermögen. 1726, nach einer weiteren Beleidigung eines alten Adeligen namens Chevalier de Rohan, verlässt Voltaire Frankreich und übersiedelt nach England. Er verbringt drei Jahre in London und bewundert dieses „freie, tolerante, wissenschaftliche“ Land. Voltaire kehrt dann wieder nach Frankreich zurück und wird mit seinen Dramen sehr erfolgreich. Er wird bald zu einem sehr reichen und berühmten Mann in Frankreich und wird 1746 in die „Académie française“ aufgenommen. Voltaire hat ein Händchen für Aktiengeschäfte, und mit 60 Jahren gilt er als der reichste Literat des damaligen Europas.
In England lernt er, die Sprache zu sprechen und zu schreiben, und macht sich vertraut mit den Werken des Empiristen John Locke, ferner mit Shakespeares literarischen Werken und Newtons naturwissenschaftlichen Schriften. Während seines England-Aufenthaltes verfasst er 1729 die „Philosophischen Briefe“ (Lettres anglaises) und stellt darin den Franzosen England als Modell vor Augen, indem er die freiheitliche Atmosphäre Englands der korrumpierten Herrschaft des Adels und der Geistlichkeit in Frankreich gegenüberstellt. Er empfiehlt die englische Verfassung mit ihrem Schutz der natürlichen Rechte von Person und Eigentum, ihrer Religions- und Pressefreiheit und der Gewaltenteilung. 1728 kehrt er nach Frankreich zurück, kann es aber nicht lassen, weiterhin Satiren und Schmähschriften zu verfassen, sodass er ab 1733 im Schloss Cirey bei seiner geheimen Geliebten Émilie du Châtelet in der Champagne, im Nordosten Frankreichs, Zuflucht sucht. Hier bleibt er zehn Jahre lang, wobei er immer wieder Reisen nach Holland, Brüssel und Paris unternimmt. Madame du Châtelet ist eine aktive Naturforscherin und Mathematikerin, und dank ihr entwickelt Voltaire ein vertieftes Interesse an den Naturwissenschaften.
Er bringt durch sein 1737 verfasstes Werk „Éléments“ über Isaac Newton, diesen englischen Physiker, den Franzosen nahe. Madame du Châtelet, die sich bald in einen Dichter verliebt, wird schwanger und stirbt 1749 im Kindbett. Voltaire hat viele Liebschaften mit verschiedenen Frauen, sogar mit seiner eigenen jungverwitweten Nichte Madame Denis. 1736 entsteht auch seine langjährige Freundschaft zum Kronprinzen Friedrich II. (der Große) aus Preußen. 1746 beginnt Denis Diderot (1713–1784) sein großes Schaffen der „Encyclopédie“, einer Enzyklopädie, die das bis dahin gesammelte Wissen enthalten soll. Voltaire leistet einige Beiträge dazu. 1750 folgt er einer Einladung nach Potsdam im Nordosten Deutschlands, wo er drei Jahre lang im Schloss Sanssouci bleibt. Friedrich II. wird mit 28 Jahren König und führt drei Kriege gegen Österreich unter Kaiserin Maria Theresia. Der dritte Krieg wird auch als der Siebenjährige Krieg bekannt. Am Ende dieser Kriege steigt Preußen zur Großmacht empor. Friedrich II. schreibt ihm einmal: „…für mein Teil habe ich den Trost, im Zeitalter Voltaires gelebt zu haben.“
Weitere Aufenthaltsorte von Voltaire sind Berlin, deutsche Höfe wie Gotha, Kassel, Mainz, Mannheim, Straßburg und Colmar. 1755 kauft er sich in der Stadtrepublik Genf ein Anwesen am Stadtrand. Das Erdbeben in Lissabon ist unter anderem der Grund, warum er sich vehement gegen die Theorie von Leibniz und anderen positiv denkenden Philosophen und Schriftstellern stellt. 1758 schreibt er als Gegner des Optimismus von Leibniz, der behauptete, dass unsere Welt die beste aller möglichen Welten sei, den Kurzroman „Candide“, den ich im Rahmen seiner Philosophie näher erläutern werde.
Ab seinem 64. Lebensjahr lebt er mehr oder weniger erfüllt mit Arbeit auf seinem Landgut Ferney nahe Genf, friedlich und ruhig zusammen mit seiner Nichte Marie-Louise Denise. Er empfängt Besuch von damaligen großen Geistern, unter anderem von Joseph II., und setzt sich gegen die Leibeigenschaft und gegen den Aberglauben ein. Er ist sein ganzes Leben lang Theist bzw. Deist. Er glaubt an einen Gott, aber nicht an einen von den verschiedenen Religionen geschaffenen Gott. Das Christentum kritisiert er und wirft ihm vor, wie eine Sekte zu sein. Die Kirche, die damals absolutistische Ansprüche stellte, verabscheut er. Der Deismus ist typisch für die Zeit der Aufklärung, weil man sich bemüht, die Religion mit der Herrschaft der Vernunft in Einklang zu bringen: „Gott hat die gesetzmäßige, vernunftbestimmte Welt geschaffen, greift aber in den Weltenlauf nicht ein.“
Mehr als 20.000 Briefe von Voltaire werden veröffentlicht, und sein Gesamtwerk beläuft sich auf 99 Bände, darunter Erzählungen, Romane, Essays und eine ganze Reihe erfolgreicher Dramen. Sein erstes Epos „La Henriade“ handelt von der Geschichte Heinrichs IV. (1050–1106). Hauptthema des Buches ist der Kampf gegen Fanatismus und Intoleranz und für die Meinungsfreiheit. Der Hauptgegner ist die katholische Kirche. Er kennt auch eine weitere große Politikerin der damaligen Zeit: die russische Zarin Katharina II. (Katharina die Große). Nach seinem Tod erwirbt sie seine Bibliothek, die sich heute in der Russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg befindet. Voltaire stirbt mit 84 Jahren. Auf seinem Sarg steht geschrieben: „Er verlieh dem Menschengeist starke Impulse, er bereitete uns auf die Freiheit vor.“
Philosophie
Voltaire verkörpert die französische Aufklärung. „Im Bereich des Geistigen ist Voltaires Leben ein einziger Kampf. Wofür er streitet, ist die Freiheit des Denkens, ist Toleranz, ist Vernunft, ist Frieden, ist das Glück der Menschen, ist die Abschaffung von Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Kurz: Es ist Aufklärung, verstanden nicht als bloße Theorie, sondern als Praxis… Nietzsche nennt ihn den großen Befreier der Menschheit.“
Er kämpft Zeit seines Lebens gegen religiösen Fanatismus und „Aberglauben“. Er versucht, die gesamte christliche Lehre als Aberglauben zu entlarven, wobei ihm noch verderblicher und gefährlicher der Fanatismus erscheint, und setzt sich gegen gerichtliche Grausamkeiten ein, indem er unter anderem in zwei Gerichtsverfahren, in denen zwei Protestanten barbarisch hingerichtet wurden, für die Protestanten Partei ergreift. In seinem „Traité sur la tolérance“ (1763) führt er die Rechtsbeugung auf religiösen Fanatismus zurück. Für ihn ist der einzige objektive Maßstab von Normen und Gesetzen das Allgemeinwohl. Sein Schlachtruf im Kampf gegen die Kirche, den er sehr oft in seinen Briefen als Schlusswort verwendet, ist „Écrasez l’infâme!“ (Zermalmt die Niederträchtige!). Voltaire gilt als der theoretische Vordenker der französischen Revolution (1789–1799), in der unter anderem der feudal-absolutistische Ständestaat abgeschafft wird. Er ist der große Vorkämpfer für Vernunft, Toleranz und Menschenrechte.
Voltaire ist kein scharfer und origineller Denker, aber durch seine ganze Persönlichkeit – die wie keine andere das Recht des Talents gegenüber dem der Geburt verkündigt –, durch seinen unentwegten Kampf für die Freiheit des Geistes, des Wortes und der Presse, durch sein mutiges Eintreten für die Opfer kirchlicher und staatlicher Justizmorde, durch den mephistophelischen Witz, mit dem er die Grundlagen aller überkommenen Autorität ihrer unantastbaren Heiligkeit entkleidet, wird er zu einer entscheidenden geistigen Potenz seiner Zeit und seines Landes. Er blickt mit einer gewissen Verachtung auf das Volk, die Masse, herab. In allen Staaten, so bemerkt er in Bezug auf Montesquieus Prinzipien, ist es die Furcht, die das Volk im Zaum hält. Die Frage des richtigen Staates ist für Voltaire eine Frage der Wohlfahrt.
In der Frage nach Gott ging Voltaire von der Tatsache aus „dass etwas ist, und darum auch etwas von Ewigkeit her ist; sonst müsste es aus dem Nichts entstanden sein, was jedoch unmöglich ist… Jedes Werk, das uns Zwecke und Mittel anzeigt, kündet von einem Werkmeister dahinter.“
Der Mensch ist für Voltaire von Natur aus zu einer Erkenntnis Gottes fähig. Er ist allen metaphysischen Spekulationen abgeneigt und hält daher auch die Fragen nach der Unsterblichkeit der Seele und der Willensfreiheit kaum für entscheidbar. Voltaire predigt mehr Moral, als dass er sie begründet. Voltaire begründet auch eine neue Art von Geschichtsphilosophie und gebraucht als erster den Ausdruck „Philosophie der Geschichte“ (1765).
Voltaire plante, ein großes geschichtliches Werk zu schreiben, was ihm teilweise mit seinem 1751 erschienenen Werk Siécle de Louis XIV gelingt. Er weist der Kulturgeschichte eine zentrale Rolle zu und setzt der Geschichtsschreibung neue Maßstäbe. Er will Geschichte als Philosoph schreiben und arbeitet zwanzig Jahre lang an seinem Werk Versuch über die Sitten und den Geist der Völker von Karl dem Großen bis auf die heutige Zeit, das 1769 in sieben Bänden in Genf veröffentlicht wird. 1731 veröffentlicht er Die Geschichte Karls XII. von Schweden.
Voltaire gilt im Allgemeinen eher als großer Literat, Geschichtsschreiber und herausragende Persönlichkeit des 18. Jahrhunderts. Seine Philosophie geht nicht so in die Tiefe wie die anderer Philosophen. Sie lässt sich am besten mit seinen eigenen Worten wiedergeben, die im Kapitel „Zitate und Textauszüge“ nachzulesen sind.
Zitate und Textauszüge
Gott hat uns in die Welt gesetzt, damit wir uns amüsieren. Alles Übrige ist platt und scheußlich und erbärmlich.
Ich wundere mich, dass man unter so vielen überstiegenen Beweisen für das Dasein Gottes noch nicht darauf verfallen ist, das Vergnügen als Beweis anzuführen; das Vergnügen ist etwas Göttliches, und ich bin der Meinung, dass jedermann, der guten Tokaier trinkt, der eine schöne Frau küsst, mit einem Wort, der angenehme Empfindungen hat, ein wohltätiges höchstes Wesen anerkennen muss.
Es ist für die Fürsten und die Völker unbedingt nötig, dass die Idee eines schöpferischen, lenkenden, belohnenden und rächenden höchsten Wesens sich dem Gehirn tief eingeprägt hat. Die Gesellschaft braucht diese Ansicht; das Volk braucht eine Religion.
Wenn Gott nicht existierte, müsste man ihn erfinden.
Der Aberglaube, entstanden im Heidentum und übernommen vom Judentum, hat die christliche Kirche von Anfang an verpestet. Er ist lächerlich und verabscheuenswert, der schlimmste Feind der reinen Verehrung, die wir dem höchsten Wesen schulden. Es ist an der Zeit, dass das Ungeheuer des Aberglaubens an die Kette gelegt werde.
Der Fanatismus führt zu blutdürstiger Leidenschaft; er fordert zum Verbrechen auf; er ist ein Höllenwahn…man solle Gott morgens und abends bitten, uns von den Fanatikern zu erlösen.
Denn der Atheismus flößt keine blutdürstige Leidenschaft ein, der Fanatismus tut es; der Atheismus hindert die Verbrechen nicht, der Fanatismus aber lässt solche begehen.
Voltaire wendet sich gegen „die ehrgeizigen Führer eines allzu leichtgläubigen Volkes, die ihre Interessen hinter den Interessen des Himmels verbergen“.
Ich bin kein Christ, aber nur deswegen nicht, um ihn, den Gott, umso mehr zu lieben.
Ich will lieber einen beschränkten Gott anbeten als einen bösen.
Bedenke, dass die ewige Weisheit des Allerhöchsten mit eigener Hand deinem innersten Herzen die natürliche Religion eingeprägt hat.
Es gibt etwas, also gibt es etwas Ewiges, denn nichts kommt aus dem Nichts.
Jedes Werk, das Mittel und Zweck erkennen lässt, kündet von einem Schöpfer; also deutet das Weltall, zusammengesetzt aus Kräften und Mitteln, die alle ihren Zweck haben, auf einen allmächtigen, allwissenden Urheber….die vielen immer gleich bleibenden Gesetze lassen auf einen Gesetzgeber schließen.
Gott ist das notwendige Wesen, die in der Natur verbreitete Intelligenz, der große Geist im großen All.
Was für ein erbärmliches Glücksspiel ist doch das Spiel des menschlichen Daseins!
Neben so viel Ordnung so viel Unordnung, neben solcher Gestaltungskraft so viel Zerstörung: von diesem Problem bekomme ich oft Fieber.
Das Glück ist nur ein Traum, und der Schmerz allein ist real; seit 80 Jahren empfinde ich das und weiß nichts anderes, als mich darein zu ergeben und mir zu sagen, dass die Mücken da sind, um von den Spinnen gefressen zu werden , wie die Menschen vom Kummer. Diese Welt ist ein Jammertal.
Wäre das Nichts nicht besser als diese Masse Wesen, die geschaffen werden, um sich unaufhörlich wieder aufzulösen, diese Menge Tiere, geboren und wiedererzeugt, nur um andere zu verschlingen und selbst verschlungen zu werden, diese Menge Gefühls begabter Wesen, die zu so vielen schmerzlichen Gefühlen bestimmt sind, und dann wieder diese Menge vernünftiger Wesen, die doch so selten Vernunft annehmen? Was hat das alles für einen Sinn?
Für Gott existiert das Übel nicht, nur für uns.
Ich will nicht untersuchen, ob der große Baumeister der Welten gut ist; es genügt mir, dass es einen solchen gibt.
Die Frage des Guten und Bösen bleibt ein Chaos, das für den ehrlichen Forscher unentwirrbar ist.
Alt und jung, wir machen nichts als Seifenblasen. Wir sind Luftbälle, die die Hand des Geschicks aufs Geratewohl fort stößt; wir hüpfen ein paar Mal auf, die einen auf Marmor, die andern auf Mist, dann ist es aus für immer. Wir sind alle in dieser Welt wie zum Tode verurteilte Kriegsgefangene, die sich im Augenblick auf ihrer Wiese vergnügen. Jeder wartet, dass die Reihe an ihn kommt, gehängt zu werden, ohne die Stunde zu wissen; und wenn die Stunde kommt, so findet sich, dass man ganz umsonst gelebt hat.
Nun habe ich erreicht, was ich mein Leben lang wollte: Unabhängigkeit und Ruhe.
Ich schreibe um zu handeln.
Rottet euch zusammen, ihr Philosophen! Dann gebt ihr das Gesetz und werden die Herren der Nation werden.
Die Philosophie ist zu etwas gut: sie tröstet; sie bewirkt die Ruhe der Seele.
Die Menschen suchen ihr Glück, ohne zu wissen, auf welche Art sie es finden können: wie Betrunkene ihr Haus suchen, im unklaren Bewusstsein, eins zu haben.
Das vollkommene Glück ist unbekannt, für den Menschen ist es nicht geschaffen.
Die Menschen sind wie die Tiere und die Pflanzen dazu da, zu wachsen, eine Zeitlang zu leben, ihresgleichen hervorzubringen und dann zu sterben.
Nicht über das Elend und die Vergänglichkeit, nein, über das Glück und die Dauer unseres Lebens müssen wir uns wundern. Nur Hochmut und Anmaßung kann verlangen, dass es uns besser ergehen soll, als es uns ergeht.
Freundschaft ist tausendmal mehr wert als Liebe.
Ich sterbe in der Anbetung Gottes, meine Freunde liebend, ohne Hass gegen meine Feinde und in Verachtung des Aberglaubens. Voltaire.
Hauptwerke
1729 Lettre anglaises
1734 Traité de métaphysique
1738 Sur l’homme
1738 Èléments de la philosophie de Newton
1769 Dieu et les hommes
1770-1772 Artikel aus der « Encyclopédie » zusammengefasst im « Dictionnaire philosophique ».
Internetrecherchen
de.wikipedia.org
http://www.correspondance-voltaire.de
Quellennachweis
Weischedel, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe. 34 große Philosophen in Alltag und Denken. Ungekürzte Ausgabe. München, DTV, 17. Auflage, 1988. (Seiten 152-159)
Poller, Horst: Die Philosophen und ihre Kerngedanken. Ein geschichtlicher Überblick. Olzog Verlag München, 2005. (Seiten 237-241)
Grabner-Haider, Anton: Die wichtigsten Philosophen. Marix Verlag, Wiesbaden, 2006. (115-120)
Stokes, Philip: Philosophen. 100 große Denker und ihre Ideen von der Antike bis heute.(88-89)
Overath, Angelika; Koch, Manfred; Overath, Silvia: Genies und ihre Geheimnisse. 100 biographische Rätsel. List, Berlin, 2007. (S.26-27)
Sandvoss, Ernst R.: Geschichte der Philosophie. Mittelalter, Neuzeit, Gegenwart. DTV, München, 2001. (S.256-257)
Ernst von Aster: Geschichte der Philosophie. Kröner, Stuttgart, 1998. (S.264-265)
Voltaire: Candide. Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main und Leipzig, 2007.
Gedanken zur Philosophie Voltaires
Ich habe das Buch „Candide oder Der Optimismus“ gelesen und möchte hier einige Textpassagen wiedergeben, die mich zum Nachdenken angeregt haben.
Zunächst aber will ich einen kurzen Überblick über die Handlung dieses 1657 erschienenen Kurzromans geben.
Candide, der Protagonist, wächst in einem Schloss in Westfalen (im Zentrum Westdeutschlands) auf und wird vom Philosophen Pangloss unterrichtet, der – wie Leibniz – meint, dies sei die beste aller möglichen Welten. Candide verliebt sich in Kunigunde, die Tochter der Baronfamilie, in die er aufgenommen ist. Kunigunde darf jedoch nur jemanden heiraten, der mindestens 70 adlige Ahnen vorweisen kann. Deshalb wird Candide von zu Hause weggeschickt und erlebt in der Folge nur negative Dinge, die sich jedoch für sein seelisches Befinden immer wieder in gute Dinge verwandeln.
Er nimmt sogar am Krieg der Bulgaren als Oberstleutnant teil, tötet einige Menschen, durchquert die halbe Welt, kommt in der „Neuen Welt“ (Lateinamerika) an, findet den Ort Eldorado und kehrt wieder nach Europa zurück, um sich mit der schönen Kunigunde zu treffen. Sie treffen sich und heiraten, wobei sie inzwischen hässlich geworden ist. Das ganze Buch hindurch muss Candide immer wieder feststellen, dass kein Mensch wirklich glücklich ist. Er zweifelt immer wieder an den Worten seines Lehrers, der unbeirrt an seiner Meinung festhält, selbst als Candide fast umgebracht wird. Candide kommt schließlich zur Erkenntnis, dass alles Philosophieren und Nachdenken umsonst ist und dass das einzig Richtige auf dieser Welt das Arbeiten ist. Nur die Arbeit kann – wenn überhaupt – so etwas wie Glücksgefühle erzeugen. Nicht die Liebe, nicht das Nachdenken und schon gar nicht der vergängliche Reichtum sind dazu imstande, Glücksmomente zu verschaffen.
Hier nun einige Textpassagen, die einen Einblick in die damalige Ausdrucksweise geben sollen. (Das Buch ist zwar aus dem Französischen übersetzt, auffallend sind jedoch ähnliche gedankliche Parallelen und sprachliche Ausdrücke zu Lessings „Nathan der Weise“, das um dieselbe Zeit entstanden ist.)
Pangloss spricht zu Candide:
„Es ist erwiesen“, sagte er, „dass die Dinge nicht anders sein können, denn da alles für einen Zweck bestimmt ist, ist alles notwendigerweise für den besten Zweck bestimmt. Beachten Sie, dass die Nasen dazu gemacht sind, Brillen zu tragen; daher haben wir auch Brillen.“ (S.10)
Pangloss ist eben derjenige, der die Position von Leibniz einnimmt und alles als notwendig und zum Besten darstellt. Voltaire überspitzt diese Sicht, indem er sagt: Nicht die Brille wurde für die Nase gemacht, sondern die Nase für die Brille.
„Die Menschen sind dazu da, einander zu helfen.“
„Sie haben recht“, sagte Candide, „eben das hat mir Herr Pangloss immer gesagt, und ich sehe wohl, dass alles zum Besten steht.“ (S.12)
Alles steht zum Besten, aber:
Neben abgeschnittenen Armen und Beinen war Gehirn über den Boden verspritzt. (S.15)
Am nächsten Morgen ging er spazieren und traf auf einen Bettler, der mit Pusteln übersät war, einen erloschenen Blick, eine angefressene Nasenspitze, einen schiefen Mund und schwarze Zähne hatte, der aus dem Hals krächzte, von einem heftigen Husten geplagt war und bei jedem Anfall einen Zahn ausspuckte. (S.17)
„Und Kunigunde?“ – „Sie ist tot.“
„Ihr ist von bulgarischen Soldaten der Bauch aufgeschlitzt worden, nachdem sie so oft vergewaltigt worden war, wie es nur irgend ging. Dem Herrn Baron, der sie verteidigen wollte, haben sie den Schädel eingeschlagen, die Frau Baronin ist in Stücke gehauen worden …“
Bei diesem Bericht schwanden Candide noch einmal die Sinne. Als er wieder zu sich gekommen war und alles gesagt hatte, was zu sagen war, erkundigte er sich nach der Ursache und der Wirkung und nach dem zureichenden Grund, der Pangloss in einen so bemitleidenswerten Zustand versetzt hatte.
„Ach“, sagte der, „das war die Liebe…“
„Oh“, sagte Candide, „ich habe sie wohl erfahren, diese Liebe, die Beherrscherin der Herzen, die Seele unserer Seele; sie hat mir nur einen Kuss und zwanzig Tritte in den Hintern eingebracht. Wie kann eine so schöne Ursache eine so entsetzliche Wirkung haben?“ (S.18–19)
In diesen wenigen Sätzen merkt man schon, wie blutrünstig Voltaire die Realität jener Zeit darstellt. Er wollte mit diesen Szenen der positiven, naiven Einstellung entgegenwirken, dass alles zum Besten sei.
„Denn privates Übel bewirkt das öffentliche Wohl, dergestalt, dass das allgemeine Wohl umso größer ist, je schlechter es den Einzelnen geht.“ (S.21)
Dieser Satz erinnert an den Utilitarismus des 18. Jahrhunderts, dessen Vertreter Jeremy Bentham meinte: „Ziel eines jeden Handelns muss es sein, das größtmögliche Glück der größtmöglichen Anzahl von Menschen zu fördern.“ Bentham und heutige Sozialwissenschaftler vertreten eine umgekehrte Meinung: Das Wohl des Einzelnen wirkt sich positiv auf das Wohl der Gesellschaft aus. Dem Einzelnen muss es gut gehen und nicht schlecht.
Als Candide sich während des Erdbebens 1655 in Lissabon befindet, sagt Pangloss:
„So ein Erdbeben ist nichts Neues … letztes Jahr erlebte die Stadt Lima in Amerika ebensolche Erdstöße: die gleichen Ursachen, die gleiche Wirkung! Sicher gibt es von Lima bis nach Lissabon eine Schwefelspur unter der Erde … Denn“, sagte er, „hier steht alles zum Besten … denn der Sündenfall und die Verdammnis waren notwendige Bestandteile der besten aller möglichen Welten … denn unsere Freiheit war eine Notwendigkeit.“ (S.23–24)
Voltaire kritisiert auch die Religion, speziell den Islam:
„Schließlich sah ich, wie all unsere Italienerinnen und meine Mutter zerrissen, zerstückelt und hingemetzelt wurden von den Ungeheuern, die sich um sie stritten … und ich lag sterbend auf einem Leichenhaufen. Ähnliche Szenen spielten sich, wie man weiß, im Umkreis von dreihundert Meilen ab, ohne dass man deswegen von den fünf täglichen Gebeten absah, die Mohammed vorschreibt.“ (S.40)
„Wir hatten einen sehr frommen und sehr mitleidsvollen Imam. Er hielt eine schöne Predigt, in der er ihnen riet, uns nicht ganz umzubringen. ‚Schneidet‘, sagte er, ‚jeder dieser Damen lediglich eine Hinterbacke ab, das wird euch sehr gut schmecken. Wenn das nicht reicht, bleibt für die nächsten Tage immer noch ebenso viel übrig. Der Himmel wird euch für eure Nächstenliebe dankbar sein, und ihr werdet errettet werden.‘“ (S.43)
Candide wird von einigen Personen über die Tragik des Lebens aufgeklärt. Die meisten denken nicht wie Pangloss, sondern genau umgekehrt: Die Mehrheit seiner Zeitgenossen glaubt, dass das Leben ein einziges Unglück ist:
„…und wenn Sie einen einzigen finden, der nicht sein Leben oft verflucht und sich gesagt hätte, dass er der unglücklichste aller Menschen sei, dann werfen Sie mich kopfüber ins Meer.“ (S.45)
Voltaire, der selbst bei den Jesuiten zur Schule ging, bringt diese auch in das Werk ein, indem Candide als Jesuit verkleideter Junge auftritt:
„Ein Jesuit, ein Jesuit! Wir werden uns rächen und gut essen, heute gibt es Jesuit, es gibt Jesuit!“
„Wir werden sicher gekocht oder gebraten. O weh, was würde Meister Pangloss sagen, wenn er erführe, wie die reine Natur beschaffen ist! Es ist alles gut, das mag sein, aber welch grausames Schicksal, Fräulein Kunigunde verloren zu haben und von den Löffelohren am Spieß gebraten zu werden!“ (S.57)
Candide befindet sich nun in Südamerika. Sein Diener Cacambo sagt zu ihm:
„Sie sehen, dass diese Erdhälfte nicht besser ist als die andere. Glauben Sie mir: Wir sollten auf dem schnellsten Weg nach Europa zurückkehren.“ (S.59)
Als sie in Eldorado ankommen, sagt Candide:
„Ist dies das Land, wo alles gut ist, denn es muss unbedingt ein solches geben. Und was auch Meister Pangloss dazu meinte, ich habe schon öfters gedacht, dass in Westfalen alles schlecht war.“ (S.63)
Cacambo versucht Candide zu beraten:
„Sie sehen, mein Freund, die Reichtümer dieser Welt haben keinen Bestand. Nur die Tugend ist von bleibendem Wert, und das Glück, Fräulein Kunigunde wiederzusehen.“ (S.70)
Candide ist am Ende seiner Kräfte:
„Oh Pangloss“, rief Candide, „diese Greuel hast du dir nicht vorstellen können. Das Maß ist voll: Ich werde schließlich doch deinem Optimismus entsagen müssen!“ (S.71)
Das Leid geht so weit, dass der alte Gelehrte Martin, der Candide ein Stück des Weges begleitet, Folgendes sagt:
„Der Teufel mischt sich so sehr in die Angelegenheiten dieser Welt, dass ich auch wohl von ihm besessen sein mag, wenn er sich nicht sonst wo herumtreibt“, sagte Martin. „Auf jeden Fall muss ich sagen: Wenn ich diese Erdkugel, vielmehr dieses Erdkügelchen betrachte, denke ich, Gott muss sie irgendeinem bösen Geist überlassen haben, Eldorado natürlich ausgenommen. Ich habe noch keine Stadt erlebt, die nicht den Ruin ihrer Nachbarstadt herbeisehnte, keine Familie, die nicht irgendeine andere vertilgen wollte. Überall verabscheuen die Schwachen die Mächtigen, vor denen sie kriechen, und die Mächtigen behandeln sie wie das Vieh, dessen Wolle oder Fleisch man verkauft. Eine Million Mörder in Uniform durchqueren eilig Europa von einem Ende zum andern, morden und plündern in disziplinierter Form, um damit ihr Brot zu verdienen, weil sie keinen anständigeren Beruf haben. Und in den Städten, die im Frieden zu leben scheinen und wo die Künste in Blüte stehen, plagt die Menschen mehr Neid, Sorge und Unrast, als sie an Plagen erdulden müssen, wenn die Stadt belagert wird. Die heimlichen Leiden sind noch schlimmer als das Leid, das offen zutage tritt. Mit einem Wort: Ich habe so viel gesehen und so viel erlitten, dass ich Manichäer geworden bin.“ (S.77)
„Gott hat den Spitzbuben bestraft, aber der Teufel hat die anderen ertrinken lassen.“ (S.79)
Am besten gefallen hat mir folgende Passage: Candide, dieser sensible junge Mann, der nur an das Beste glaubt und glauben will, platzt plötzlich mit folgender negativer Betrachtung der Menschheit heraus:
„Aber zu welchem Zweck ist denn die Welt geschaffen worden?“ – „Um uns in Wut zu versetzen“, antwortete Martin.
„Glauben Sie“, sagte Candide, „dass die Menschen sich immer schon gegenseitig massakriert haben, wie sie es heutzutage tun? Dass sie immer schon Lügner, Betrüger, Gauner, Undankbare, Räuber, Schwächlinge, Wankelmütige, Feiglinge, Neider, Fresser, Säufer, Geizige, Streber, Blutrünstige, Verläumder, Wüstlinge, Fanatiker, Scheinheilige und Narren waren?“ – „Glauben Sie“, sagte Martin, „dass die Sperber immer schon Tauben gefressen haben, wenn sie welche erwischten?“ – „Zweifellos“, sagte Candide. Da sagte Martin: „Also wenn die Sperber ihr Wesen nicht verändert haben, warum sollten es dann die Menschen?“ (S.81)
„Ach, es wäre besser gewesen, im Paradies Eldorado zu bleiben als in dieses vermaledeite Europa zurückzukehren. Wie recht Sie haben, mein lieber Martin! Alles nur Lug und Trug und eine Misere.“ (S.96)
„Mein lieber Pangloss“, fragte Candide, „als Sie gehenkt, seziert und beim Rudern auf der Galeere ausgepeitscht wurden, haben Sie da immer noch gedacht, es stehe alles zum Besten auf dieser Welt?“ – „Ich bin immer noch derselben Meinung“, antwortete Pangloss, „denn ich bin schließlich ein Philosoph, und es gehört sich nicht, sich zu widerrufen. Leibniz konnte nicht unrecht haben, und außerdem ist die prästabilierte Harmonie ebenso wie der erfüllte Raum und der beseelte Stoff das Schönste, was es auf Erden gibt.“ (S.120)
„Und wenn man nicht diskutierte, wurde die Langeweile so unerträglich, dass die Alte eines Tages zu sagen wagte: ‚Ich möchte wissen, was schlimmer ist: hundertmal von afrikanischen Seeräubern vergewaltigt zu werden, eine Hinterbacke abgeschnitten zu bekommen, bei den Bulgaren Spießruten zu laufen, bei einem Autodafé ausgepeitscht, gehenkt und seziert zu werden, auf den Galeeren zu rudern und überhaupt alles erdenkliche Leid, das uns widerfahren ist, zu erdulden, oder hier zu bleiben und nichts zu tun.‘ – ‚Das ist eine große Frage‘, sagte Candide.“
Diese Worte weckten neues Nachdenken, und vor allem Martin kam zu dem Schluss, der Mensch sei dazu geschaffen, entweder in Rastlosigkeit umgetrieben zu werden oder in Tatenlosigkeit der Langeweile zu verfallen. Candide war nicht der Meinung, wusste es aber auch nicht besser. Pangloss gab zu, dass er immer schrecklich gelitten hatte; da er aber einmal die Ansicht vertreten hatte, es stehe alles zum Besten, blieb er dabei, ohne daran zu glauben. (S.123)
Das Fazit:
„Die Arbeit hält drei große Übel von uns fern: die Langeweile, das Laster und die Not … denn als der Mensch in den Garten Eden gesetzt wurde, wurde er hineingesetzt, ut operaretur eum, damit er ihn bearbeite, was beweist, dass der Mensch nicht für die Muße gemacht ist. Arbeiten wir ohne zu räsonieren“, sagte Martin, „das ist das einzige Mittel, das Leben erträglich zu machen. Alle Ereignisse sind in der besten aller möglichen Welten miteinander verknüpft … aber wir müssen unseren Garten bestellen.“ (S.126–127)
