„Jedem gefällt es, jemand zu sein und niemand ist der, der er ist, sondern der zu dem er von den anderen gemacht wird.“Miguel de Unamuno (1864–1936) war ein spanischer Philosoph und Schriftsteller. Bereits als Kind las er eine Unmenge an Büchern. Sein großes Vorbild waren die fantastischen Erzählungen von Jules Verne. Nach seinem Philosophiestudium in Madrid unterrichtete er an der Universität von Salamanca unter anderem Altgriechisch. Politisch aktiv, setzte er sich für Minderheiten ein und gehörte der „Generación 98“ an, einer liberalen Bewegung, die sich mit den Gründen für den Niedergang Spaniens beschäftigte und eine geistige Umorientierung in Spanien anstrebte.
Unamuno schrieb nicht nur Romane, sondern auch Novellen, Essays und wissenschaftliche Abhandlungen. Seine geistige Affinität zu Luigi Pirandello ist insofern nicht zu übersehen, als dass sich Unamuno in einigen seiner Werke, besonders in „Nebel“, mit denselben Themen beschäftigt, die von der prekären Identität des Menschen handeln.
Der Protagonist dieses Romans stellt sich Fragen über die Beziehung zu einem geliebten Menschen. Diese Fragen und Antworten, die sich um das Thema der Verliebtheit drehen, sind jedoch eng verbunden mit Fragen hinsichtlich der eigenen Identität, der eigenen Gefühle und der „Echtheit“ derselben. Das Leben ist eine nebulöse Angelegenheit, und alles ist Zufall. Wie kann er sich in eine Frau verlieben, die er kaum kennt? Kommt die Liebe vor der Kenntnis der Dinge?
Der Protagonist verliebt sich aus Langeweile; er versucht damit, seinem Leben Struktur und Sinn zu geben, und findet diesen Sinn in der Beschäftigung mit Liebesgefühlen. Diese führen wiederum zu weiteren Fragen und Überlegungen, wie etwa zur Schöpfung von Gedanken, zur Unsicherheit über die Realität gegenseitiger Beziehungen, die vielleicht nur auf Einbildungen beruhen. Diese Gedanken gehen so weit, dass das Thema der Ewigkeit und des Traumes aufgenommen wird. Was ist im Leben real, und was ist Einbildung? Was ist Sein und was Schein, Wahrheit und Lüge?
Diese Fragen führen den Protagonisten in eine existentielle Notlage, die darin mündet, dass er sich bewusst wird, lediglich eine Figur in einem Roman zu sein, gar nicht wirklich zu existieren. Dabei gelingt es ihm, die Figur als realer erscheinen zu lassen als den Autor selbst, indem er behauptet, dass eine Romanfigur wie Don Quichotte sich in den Vorstellungen der Menschen als realer erweist als dessen Autor Cervantes – weil Don Quichotte die Zeit überdauert, unsterblich ist, im Gegensatz zum endlichen, kurzen und unbedeutenden Leben des Autors.
Die Existenz ist eine süße Illusion, und nur in der Liebe ist es möglich, die eigene Seele zu spüren – und was ist die Seele, wenn nicht Liebe und Schmerz, in Fleisch verwandelt?
Selbst die Musik ist der ewige Beginn der Ewigkeit, die niemals zu einem Abschluss kommt. Insofern kritisiert Unamuno den rationalen Verstand, indem er meint, dass Erkenntnisse ohne Gefühle, die nur auf Logik und Rationalität beruhen – wie etwa das Schachspielen – keine wirklichen Erkenntnisse sind und zu keinen bedeutenden Einsichten führen. Glauben und Wissen sind zwei verschiedene Paar Schuhe, denen sich der Protagonist in diesem Roman in Form philosophischer Fragen widmet.
Er gelangt zu dem Schluss, dass das Leben – und noch mehr der Tod – weit mehr lehren als die Wissenschaft. Der Geist wird hier über den Körper gestellt, der ohne Geist ja nichts ist. Die Liebe wurde von Dichtern erfunden; die Verliebtheit, wie er sie gegenüber Eugenia empfindet, ist nur etwas, worüber man spricht und schreibt. Sie existiert aber nicht zwischen Mann und Frau; was zählt, ist die Ehe. Alle Gefühlsregungen und Liebesbezeugungen sind eine Erfindung des Menschen, eine große Lüge. Wir als Menschen fühlen uns wichtig und bilden uns ein, etwas Besonderes zu sein. Die Sprache und das Wort führen zur übertriebenen Darstellung unserer Gefühle und Eindrücke – ja, sie werden überhaupt erst durch Sprache erschaffen.
Wir sind alle nur maskierte Schauspieler und Komiker. Niemand leidet oder genießt wirklich; er glaubt lediglich zu leiden und zu genießen. Wenn es nicht so wäre, könnte man nicht überleben. Nur der körperliche Schmerz tötet. Die einzige Wahrheit ist der physiologische Mensch, der nicht spricht und deshalb nicht lügt.
Somit beschäftigt sich dieser Roman mit höchst geistigen Themen, die alle um die Frage der Existenz eines Subjektes im Menschen kreisen. Nur derjenige lebt wirklich, der sich bewusst ist, zu träumen; nur derjenige ist weise, der im Bewusstsein des Wahnsinns lebt.
Mir persönlich hat dieser Roman sehr gut gefallen, denn sämtliche Ideologien werden hier als Einbildungen kritisiert. Das Leben des Menschen ist eine Farce voller Lügen; dem entgegnet der Autor mit Fragen, die zumindest in Richtung Bewusstsein weisen, sodass die Gedanken über die Brüchigkeit der Existenz letztlich dazu dienen, diese Farce aufzudecken. Die Grenze zwischen Realität und Traum wird von Unamuno zugunsten einer anderen, breiteren Sicht des menschlichen Lebensentwurfs verwischt.
